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Auftakt-Stimme zum G20-Gipfel…

Ole SeidenbergDer Blogger Ole Seidenberg ist für “Deine Stimme gegen Armut” in London und berichtet live vom G20-Gipfel. Der Student aus Hamburg bloggt sonst auf Socialblogger.de.  Folge Ole bei Twitter.

Liebe Unterstützer von Deine Stimme gegen Armut, liebe Mitstreiter…

…am Donnerstag, den 2. April starten die zwanzig “wichtigsten” Industrie- und Schwellenländer in den G20-Gipfel, der in diesem Jahr besonders stark unter dem Eindruck der Finanz-, Job-, Kredit- und Klima-Krise steht. Man möchte fast fragen: Wo kriselt es derzeit eigentlich nicht?

Die Fragen, die gestern bei der eindrucksvollen Auftakt-Demonstration quer durch London im Mittelpunkt standen, gingen noch etwas weiter und zeigen das Gewicht der anstehenden Woche:

Wie können unsere massiven und komplexen Problemlagen binnen eines Tages auch nur im Ansatz von einigen wenigen globalen Machthabern gelöst werden?

Wie können die resultierenden Entscheidungen auch nur annährend das Interesse der Weltbevölkerung widerspiegeln, wenn die Nationen der von Klimawandel und Finanzkrise am härtesten getroffenen Menschen nicht einmal daran teilhaben?

Die G20-Demo zum Auftakt des Gipfels in London

Die G20-Demo zum Auftakt des Gipfels in London

Boni für ohnehin schon millionenschwere Banker mit zweifelhafter Historie, Agrarsubventionen an den falschen Stellen, unbezahlbare Kriege in den einen Ländern bei fehlenden Friedenseinsätzen in anderen, Rettungspakete für Banken bei vergleichsweise lachhaft niedrigen Investitionen in eine nachhaltig grüne Wirtschaftsordnung – kurzum: Es wurde angeklagt, mobilisiert und nicht zuletzt: Zu Veränderung aufgerufen.

Vermutlich ist es bei weitem nicht das erste Mal, dass in großen Tönen von Veränderung, von “letzten Chancen” und der bevorstehenden Revolution gesprochen wird.

Dennoch: Der Nachdruck der Kundgebungen im Hydepark bei der Abschlussveranstaltung des Marsches hat mich beeindruckt. Zwei Meinungsführer aus Afrika waren auch dabei – und machten unmissverständlich deutlich: Weder Klimawandel noch unfairer Handel sind Resultat einer Spekulation auf mögliche Unglücksszenarien.

Beides findet bereits statt, beides wirkt sich bereits JETZT aus. Lediglich die Ergebnisse & Folgen sind so weit weg, dass die meisten von uns sie nicht sehen, geschweige denn begreifen können – oder wollen.

Mich persönlich treffen diese Reden in’s Mark, denn noch vor wenigen Tagen erhielt ich Post von einer befreundeten Familie aus Sierra Leone. Der Reispreis steigt dort beinahe täglich, schon seit mehreren Jahren wird dieser aus Indien und China importiert. Das Klima spielt verrückt: Die Trockenzeit wird zur Dürre und in der Regenzeit fällt so viel Regen, dass jeglicher Eigenanbau fast gänzlich weggespült und zerstört wird. Jobs gibt es ohnehin keine und wenn, dann nur in der Entwicklungshilfe selbst.

“We don’t want your aid! We want FAIR Trade!”, hieß es deshalb auch gestern aus Richtung Bühne. Denn Hilfe zur Selbsthilfe, nachhaltiger Aufbau von Jobs mit Zukunftsfähigkeit unter Berücksichtigung der jeweiligen Stärken und Schwächen, Hürden und Hindernisse der derzeitigen “dritten Welt” – all das sind Konzepte, die den meisten von uns bereits seit Jahrzehnten einleuchten, die in der Praxis aber noch immer ihrer Umsetzung harren.

Programme der Weltbank wurden übrigens knallhart als “Knebelverträge” für schon jetzt verschuldete Entwicklungsländer gedeutet – eine klare Botschaft in Richtung des Weltbank-Chefs Robert Zoellick, der ebenfalls beim bevorstehenden Gipfel teilnehmen wird.

Dass die genannten Probleme und möglichen Lösungen vermehrt nicht nur für eine Welt gelten, die in unserer Wahrnehmung oft als “dritte” und damit als scheinbar “separates” Problem verhaftet ist, wird beim Blick auf die aktuelle Wirtschaftssituation des Nordens unschwer deutlich.

Endlich.

Denn während vom Fleisch im Burger über das Coltan im Handy bis hin zum Blutdiamanten am Ringfinger bereits sämtliche Produkt- und damit verbundene Kapital-Ströme weltweit in kaum noch nachvollziehbarer Art und Weise Grenzen überschreiten und nationalstaatliche Regulierungen alt aussehen lassen, gibt es noch immer keine globale Übernahme von Verantwortung. Am wenigsten auf Seiten jener, die die entscheidenden Hebel in Bewegung setzen könnten – und bislang am meisten vom in der Kritik stehenden System profitieren.

Doch auch das Bewusstsein für eine notwendige Eigenverantwortung auf Seiten des “politischen Endkunden” und mündigen Konsumenten, der nach der Demo gegen den neoliberalen Raubtier-Kapitalismus nicht in Scharen von Hundertschaften die nächstbeste McDonald’s Filiale stürmt, hat meines Erachtens noch großes Entwicklungspotential.

Das Versteckspiel hinter einer schier erdrückenden “Systemlogik der Gier” jedenfalls hat in meinen Augen ausgedient – und so wird es in der nächsten Woche mehr denn je auf die richtige Balance ankommen.

Die Balance zwischen Konfrontation, Forderungen, Reflektion und – kurz vor dem eigentlichen Handeln – dem berühmten Griff an die eigene Nase.

Wie sich der Diskurs rund um Systemkritik, Angst und Lösungsvorschlägen zwischen Demonstranten, Studenten, besorgten Zeitungslesern und der großen Politik in der nächsten Woche entfalten wird: Darüber werde ich hier zeitnah berichten.

Ich freue mich auf Eure Kommentare & Fragen.

Ole Seidenberg für “Deine Stimme gegen Armut”.

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