Mit der Kanzlerin in Indien (III): “Unser Premierminister hat uns noch nie besucht, aber die deutsche Kanzlerin”
Claudia Warning, Vorsitzende von VENRO, dem Dachverband entwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen, der Mitträger von “Deine Stimme gegen Armut” ist, bereist derzeit in der Delegation von Bundeskanzlerin Angela Merkel Indien. Ihre Eindrücke vom 1. November:
Der Morgen des dritten Tages bricht an und die Programme der meisten Delegierten sind wieder voll. Dennoch findet sich ein kleiner Trupp zusammen, der unter tatkräftiger Unterstützung der deutschen Botschaft in Delhi den Besuch eines kleinen, aber sehr anschaulichen Projektes “Hope” (“Hoffnung”) im Süden der Stadt organisiert. Entwicklungsstaatssekretärin Karin Kortmann ist die treibende Kraft hinter diesem Besuch und Parlamentarier und Journalisten schließen sich an, um neben den hochrangigen Gesprächen in den Büros und Sitzungssälen ein wenig vom Lebensalltag der Menschen mitzubekommen.
“Hope” – Bildung und Gesundheit im Stadtteil
Unser Weg führt uns in ein moslemisch geprägtes Stadtviertel, welches um das Grabmal eines Sufiheiligen herum entstand und so Ausgangspunkt für das Projekt war. Die Verwandten und Nachfahren des Heiligen haben einfache Sozialmaßnahmen wie Schulen und Gesundheitsstation aufgebaut und daraus nach und nach ein umfassendes Stadtenwicklungsprojekt mit den Schwerpunkten Bildung und Gesundheit aufgebaut. Getragen wird das Projekt vor allem durch indische Mitarbeiter und in erster Linie durch Beiträge aus Indien, zum Teil aber auch durch Privatspenden aus Deutschland.
Hier wird deutlich, wie verletzlich das Leben der Anwohner ist: im Büro von “Hope” hängen die Daten der Haushalte aus denen sich ablesen lässt, wie viele Menschen weiterhin Analphabeten sind, wie viele Kinder nicht zur Schule geschickt werden und wie viele Menschen sich mit Atemwegserkrankungen und Tuberkulose aber auch mit Malaria oder auch Aids herumschlagen. Gleichzeitig ist der Name des Projektes aber auch Programm. Mit geringen und vor allem lokalen Mitteln und lokalen Engagement lässt sich vieles auf die Beine stellen: Schulen, Tagesbetreuung, Klinik und Beratungsleistungen, wenden das Leben der Menschen deutlich zum Besseren.
Im Versammlungsraum werden wir unerwartet mit Dachau konfrontiert: eine Verwandte des Sufiheiligen war im 2. Weltkrieg im Widerstand in Frankreich, wurde gefasst und kam im KZ Dachau ums Leben. Die Mädchen des Stadtteilzentrums haben ihre Lebensgeschichte aufgearbeitet und sich daran ein Vorbild genommen: sie wollen das Leben und die Gesellschaft mitgestalten, auch wenn es etwas kostet. Diese Nachricht wird uns deutlich vor dem Spiegel unserer eigenen Geschichte vorgeführt.
Die kleine Besuchergruppe ist sich einig: in den Rahmenprogrammen solcher Staatsbesuche müssten mehr Elemente von “Begegnungen mit dem Lebensalltag der Menschen” eingebaut werden.
Bombay – Kleinkredite für Dorffrauen
Szenenwechsel: der Weiterflug nach Bombay steht an. Die Sicherheitskontrolle wird auf dem Flugfeld mit einer mobilen Röntgenanlage durchgeführt. Beim Anflug auf Bombay wird gleich deutlich, wo die Probleme der Stadt liegen: Rings um den Flughafen herum und in der Einflugschneise erstrecken sich Elendsviertel.
Heute ist auch der Tag, an dem Kanzlerin Merkel eine Selbsthilfegruppe trifft, die von der indischen Landwirtschaftsbank NARBAD mit Kleinstkrediten unterstützt wird. Ob das gut geht? Eine Gruppe von etwa 15 Dorffrauen sitzt in der Eingangshalle der NARBAD auf dem Boden, umringt von etwa 50 Journalistinnen und Journalisten und mehreren Dutzend Delegationsmitgliedern, alles wartet auf Frau Merkel. Diese hockt sich zusammen mit dem Bankchef auf einen Strohschemel und sieht der Gruppe zu, wie sie ein “typisches” Gruppentreffen nachstellt: Rückzahlungen, Kreditvergabe, Abstimmungen. Bis hierin wirkt alles etwas künstlich. Dann aber ergreift die Kanzlerin das Wort und befragt die Frauen: was machen sie mit dem Geld, wie verwenden sie es und wie hat die Mitgliedschaft in der Gruppe ihr Leben verändert? Sie erkundigt sich auch, was die Ehemänner der Frauen zu dem Engagement sagen und welche Wirkungen ihre Arbeit auf ihre Kinder hat? Können sie alle lesen und schreiben? Wie gehen sie eigentlich mit den Analphabetinnen in ihrem Kreis um? Jetzt wird es munter in der Gruppe und binnen kurzer Zeit fällt die Scheu der Frauen und ein lautstarke Diskussion entspannt sich, die ich so oder ähnlich auch schon in den Dörfern erlebt habe.
Es wird authentisch und der Funken scheint auf die Kanzlerin überzuspringen, die sich durchaus Zeit nimmt, den Frauen zuzuhören. Schließlich entschuldigt sie sich auch noch, dass die Frauen ihretwegen so weit reisen mussten. Sie erklärt, warum sie nicht in das Dorf habe kommen können. “Unser Premierminister hat uns noch nie besucht, aber die deutsche Kanzlerin” ist die Antwort, die die indische Realität der gespaltenen Gesellschaft im Kleinen wiedergibt.
Kanzlerin und Frauen sind von der Begegnung begeistert und mit Umarmungen endet der Termin. Im Raum bleibt die Frage, warum es vor allem Frauen sind, die sich in Mikrofinanzgruppen engagieren. Als vorläufige Antwort kommt ein Wort von Nobelpreisträger Prof. Muhammad Yunus ins Gedächtnis: “There is nothing wrong with men, but women do it better!”
Am Abend habe ich die Gelegenheit die Reise mit Frau Merkel Revue passieren zu lassen. Und tatsächlich, sie hat den Kern der Arbeit durchaus verstanden: “Mich hat das Selbstbewusstsein der Frauen beeindruckt!” Das genau ist auch das Erfolgsgeheimnis: diese Menschen sind bereit und in der Lage, ihr Schicksal in die Hände zu nehmen, Hilfsangebote zu ergreifen und ihre eigenen Möglichkeiten zu entwickeln. Die Rahmenbedingungen der Arbeit sind das eine, aber die Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten und von Gruppenbildungsprozessen, die zur gegenseitigen Unterstützung dienen, das andere. Diese Botschaft ist bei der Kanzlerin angekommen. “Für mich steht die Legitimität von Entwicklungszusammenarbeit nicht in Frage”, ist ihr Fazit. “Natürlich”, so setzt sie hinzu, “muss ich mich auch noch um das Arbeitslosengeld und anderes kümmern, aber ich bin offen für die Steigerung der Entwicklungszusammenarbeit.”


Am 27. Oktober 2010 um 12:17 Uhr
Muhammad Yunus tritt ja für eine andere Entwicklungspolitik ein, weg vom Spender und Empfänger. Ich finde seinen Weg als bemerkenswert, vor allem erkennt er den Menschen alle Fähigkeiten an, aus eigener Kraft aus der Armut zu kommen. Sie haben ja durchaus dieselben Talente, aber haben aus finanzieller Sicht nicht die Möglichkeit diese zu entfalten. Ich finde eher, dass Entwicklungspolitik in diese Richtung gehen muss.