Die Welt hat gebrüllt
Eine Einschätzung der Ergebnisse des Gipfeltreffens im schottischen Gleneagles vom 4. bis 6. Juli 2005
“Die Welt hat gebrüllt und der G8-Gipfel hat geflüstert”, so kurz und bündig ein Fazit des “Global Call To Action Against Poverty” (GCAP), des weltweiten Bündnisses, dem auch “Deine Stimme gegen Armut” angehört. Nach erfolgreichen Aktionen zum ersten “White Band Day” auf der ganzen Welt und nach begeisternden Konzerten von Live8 eine herbe Enttäuschung über die zaghaften Schritte der G8-Regierungen. Die bis zum Jahr 2010 in Aussicht gestellte Unterstützung, so GCAP weiter, wäre so, als ob die Welt fünf Jahre gewartet hätte, bevor sie den Opfern des Tsunamis hilft.
Täglich sterben 50.000 Menschen an den Folgen von extremer Armut. Wenn die Regierungschefs der G8-Länder ihre Ankündigungen zügig umsetzen, ist davon auszugehen, dass diese Zahl bis zum Jahr 2010 auf etwa 37.000 Tote täglich sinkt. All jene, die an dem weltgrößten Bündnis zur Beendigung der Armut beteiligt sind, können stolz sein, dass ihre Stimme gegen Armut dafür gesorgt hat, dass Millionen Menschen künftig gesund und würdevoll leben können. Doch die Armut ist damit nicht aus der Welt – auch 2010 werden Tag für Tag Tausende sterben, nur weil sie arm sind.
“Dieser G8-Gipfel hätte Geschichte schreiben können. Aber für den erhofften historischen Durchbruch zur Überwindung der weltweiten Armut hatten die Führer der mächtigsten Wirtschaftsmächte offenbar nicht das Einsehen und die Entschlusskraft”, so Reinhard Hermle, Vorsitzender des Verbandes Entwicklungspolitik (VENRO) zu der Schlusserklärung des G8-Gipfels in Großbritannien.
Die in Aussicht gestellten zusätzlichen 50 Milliarden US-Dollar Entwicklungshilfe relativieren sich angesichts der Summe von einer Billion US-Dollar, die jährlich für Rüstungszwecke ausgegeben werden, und den weit mehr als 300 Milliarden US-Dollar, die noch immer Jahr für Jahr für die Subventionierung der Landwirtschaft in den Industriestaaten zur Verfügung stehen.
Eine kurzfristige Erhöhung der Entwicklungshilfe, wie sie von Vereinten Nationen, Weltbank und der weltweiten zivilgesellschaftlichen Kampagne für die Erreichung der Millenniumsziele als notwendig erachtet wird, wird es nicht geben. Der Schuldenerlass ist zu zaghaft. Und bei der Welthandelspolitik blieb es bei vagen Lippenbekenntnissen der G8. Nächste Stationen sind die UN-Konferenz in New York im September und die Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation in Hongkong im Dezember. “Spätestens in Hongkong muss das in Gleneagles Versäumte nachgeholt werden. Die Welthandelsrunde muss Bedingungen schaffen, die eine faire Beteilung der armen Länder am Welthandel ermöglichen,” so Reinhard Hermle.
- Analyse der Umsetzung der G8-Gipfelbeschlüsse 2005 (University of Toronto).
- Offizielle G8-Webseite der britischen Regierung.

